„Sie müssen sich wehren!“ - DGB macht gegen sexualisierte Gewalt mobil

Gesprächsrunde zum Tag der Beseitigung der Gewalt gegen Frauen – Hilfsangebote vorhanden – Etwa 140000 registrierte Taten pro Jahr

Von Robert Attenhauser

Rosenheim. Von wegen nicht bei uns: mehr als hunderttausend Opfer sexualisierter Gewalt zählte die Polizei im letzten Jahr in Deutschland. Grund genug für die DGB-Region Oberbayern mobil zu machen - einen Tag nach dem offiziellen Internationalen Tag zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen riefen Gewerkschaft und Politik bei einer DGB-Onlinekonferenz zum Handeln auf. Das Credo: Sie müssen sich wehren! Dafür gibt es Mittel und Wege!

140000 Opfer sexualisierter Gewalt im Jahr 2019 in Deutschland, davon etwa 17000 Fälle als gefährliche Körperverletzung und 117 getötete Frauen – etwa alle drei Tage. Diese Zahlen nannte Gudrun Gallin, Leiterin der Rosenheimer Fachstelle für die Beratung von Frauen, bei einer virtuellen Gesprächsrunde am Donnerstagabend. Moderatorin Gabi Bichler, Jugendsekretärin der DGB-Region Oberbayern ergänzte eine Steigerungsrate bei solchen Gewalttaten um elf Prozent zwischen 2014 und 2019 – und 29 getötete männliche Opfer allein im Jahr 2019. Die tatsächliche Anzahl der Straftaten liegt nach Angaben Bichlers höher. Der Grund: eine hohe Dunkelziffer. Sexualisierte Gewalt ist in der deutschen Gesellschaft ein Tabuthema. Auch fehlt es Opfern mitunter an Mut und den geeigneten Mitteln, um sich gegen die Gewalt wehren zu können.

Die Formen sind vielfältig, reichen von anzüglichen Bemerkungen bis zur körperlichen Gewalt. Es passiert häufig in den eigenen vier Wänden – aber auch am Arbeitsplatz. Die Straftaten sind geprägt durch Macht und Kontrolle, beschreibt Gallin die Situation. Täter seien oft „getrieben vom Zwang am längeren Hebel zu sitzen“, so die Fachberaterin. Eine gleichberechtigte Frau stelle in solchen Beziehungen eine Bedrohung dar.

Gallin sieht bei solchen Gewalttaten Kinder als weitere Betroffene. „Das sind nicht nur stille Zeugen“, so Gallin. Helfen könnten beim Verdacht auf Gewalttaten Drittpersonen ebenso wie Polizei und andere Behörden. Mittel seien u.a. Kontaktverbote, Platzverweise und die Kontrolle solcher Maßnahmen. Die Betreuung könne als Folge Jahre andauern. Es gehe auch darum, „verrückte Grenzen wieder zurechtzurücken“, so Gallin – damit die Opfer wieder an dem bunten Leben unserer Gesellschaft teilhaben könnten.

„Es gibt Hilfen für betroffene Frauen“, sagte Bichler. Niemand müsse Gewalt ertragen! Dass die Hilfen mitunter schwer zu ermöglichen sind, bestätigte die Landtagsabgeordnete und frauenpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion Dr. Simone Strohmayr. Ihrer Erfahrung nach leert sich der Plenarsaal „schlagartig“, sobald es um das Thema sexualisierte Gewalt geht. Das Thema müsse mehr in den Fokus rücken, zumal sich die Zahlen als Folge der Corona-Beschränkungen erhöht hätten.

Strohmayr setzt auf mehr staatliche Unterstützung beispielsweise für Frauenhäuser. Nur mit zehn Prozent sei der Staat bei der Kostendeckung, 90 Prozent würden von Kommunen und durch Spenden gestemmt. Dabei wachse der Bedarf: zusätzlich zu den etwa 600 Plätzen in den Frauenhäusern seien weitere 100 nötig. In Bayern gebe es 40 Frauenhäuser und Notruf-Einrichtungen. Ein Weg zur Entlastung der Frauenhäuser seien „Second-Stage-Projekte“ – Wohnungen für Frauen, die den ersten Schritt aus dem Frauenhaus heraus wagten.

Hatte Gallin die konsequente Umsetzung der sogenannten Istanbul-Konvention des Europarates zur Gewaltverhütung gefordert, ist Strohmayrs Wunsch der Rechtsanspruch auf einen Frauenhausplatz und auf Beratung. Ohne diese Grundlage werde der Ausbau der Plätze „noch ewig“ dauern, so Strohmayrs Vermutung.

Allerdings seien auch die Räte in den Kommunen gefordert. Diese könnten das Abrufen vorhandener Fördergelder beschließen. Bichlers Hinweis: „Die nächste Kommunalwahl kommt bestimmt!“

„Kaum ein Thema ist mit so einem Tabu belegt wie die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz“, stellte Anja Piel fest, Mitglied des DGB-Bundesvorstands. Piel berichtete von reflexhaften Antworten wie „das kommt bei uns nicht vor“ oder „haben wir noch nie gehabt“. Doch die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz kommt vor, sie reicht von pornografischen Bildern in der Umkleide bis zum Missbrauch durch Vorgesetzte. „Wegschauen gilt nicht“ sagt Piel und fordert zu sofortigem Handeln auf. Betriebe sollten zudem klare Regeln festlegen und ebenso klar auf Konsequenzen hinweisen. Schulungen könnten helfen auf die Problematik hinzuweisen. Arbeitsplatz und Arbeitsabläufe sollten so gestaltet sein, dass Gefahren minimiert würden. Es gehe darum, alle Mitarbeiter zu sensibilisieren – bevor etwas passiere. Wenn aber etwas geschehen sei müsse Druck ausgeübt werden, um Täter stellen zu können. Betriebsrat und Gewerkschaft sollten das Thema im Fokus behalten. Im Bewusstsein mancher hat sich das Problem sexualisierter Gewalt mitunter schon verfestigt – Piel berichtete von einer entsprechenden Aktion und der Reaktion einer alten Frau, die sagte: „Sie müssen sich wehren!“

Gefragt nach der Situation u.a. in Schulen sagte Fachberaterin Gallin, wichtig sei es auf häusliche Vorbilder zu achten, ebenso wie auf den Umgang von Lehrern untereinander. Wichtig sei es, beispielsweise durch geeignete Kurse, das Selbstwertgefühl der Schüler zu stärken, um Gefahrensituationen „managen“ zu können.

_______

Links:

Zur Istanbul-Konvention des Europarates

DGB-Leitfaden gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz

Antidiskriminierungsstelle des Bundes


Für das Schreiben von Kommentaren ist eine Mitgliedschaft erforderlich.

Sehr geehrte Leser,

während der Neustrukturierung der Website erscheinen keine Newsletter.

Der Herausgeber

Warnung vor Phishing-Mails

inntern.de warnt vor aktuell versendeten Phishing-Mails, die mit einem angeblichen inntern.de-Link versehen sind. Der Link führt sonstwohin. Solche Mails stammen nicht von inntern.de. Klicken Sie keinesfalls auf den in der Mail angegeben Link. Achten Sie exakt auf Absender-Angaben.

Werbung

Mit Kunst und Kultur Corona trotzen

Die Bayerische Staatsregierung hat digitale Museumsangebote gesammelt - "Kunst und Kultur trotzen Corona" heißt das Angebot auf der Website des bayerischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst.

Diese Website nutzt Cookies, teils notwendig für den Betrieb, teils für die Nutzer-Analyse zur Verbesserung des Angebots (Tracking Cookies).

Sie können entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen. Möglicherweise stehten bei einer Ablehnung nicht alle Seitenfunktionen zur Verfügung.