Redaktionelle Fassungslosigkeit

So mancher Zeitungs-Redakteur hat sich nach Jahren und Jahrzehnten der Stadtrats- und Gemeinderats-Schreiberei ein dickes Fell zugelegt. Ärger über gelegentlich substanzloses aber dafür oft wiederholtes Ratsgeschwätz oder die eingesteckten verbalen Prügel offenbar missverstandener Ratssessel-Inhaber machen dem in vielen Stadtrats-Stunden gestählten Redakteur nichts mehr aus. Und dennoch: manchmal gibt es Gegebenheiten, die jagen selbst den abgehärteten Kollegen kalte Schauer über den Rücken. Man möge sich die Erzählung aus dem Kollegenkreis vorstellen: da fragt doch ein Ratsmitglied – Ort, Partei und Alter seien verschwiegen – ernsthaft, was ihn denn nun so ein Artikel kosten würde, den dann in der Zeitung erscheine. In diesen Momenten brechen Welten zusammen. War das gar ein übler Scherz, gedacht, dem gelegentlich genervt erscheinenden Zeitungsschreiber den Todesstoß zu versetzen? Es ist ein Moment der Fassungslosigkeit. Was ist aus der Allgemeinbildung geworden, dem Verständnis um die Grundlagen unserer Demokratie, den Medien als „vierter Gewalt“ und dem Unterschied zwischen einem redaktionellen Artikel und einer Zeitungsanzeige, zwischen Banalität und einer bedeutenden Nachricht für alle? Ist da aus Schulzeiten nichts hängen geblieben? Vielleicht reicht ja die eine oder andere Stunde Medien-Aufklärung. Oder ist es gar die neue Zeit, sind es die neuen Medien, die binnen weniger Jahre die Grenzen zwischen Nachricht, Propaganda und Fake News verwischt haben? Nein, nicht aufgeben, Kopf hoch, Ruhe bewahren, weiter Aufklärung leisten, so lange, bis alle Bürger wieder Medien wirklich verstehen.

Robert Attenhauser


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